Keine Wunderhunde, aber
wunderbare Hunde
Artikel aus "Partner Hund" Nr. 8 August 2002

 

Von Ihrem Verhalten hängt ein Menschenleben ab. Sie sind die vierbeinigen Helfer der Benachteiligten. Wie lernt ein Hund all die Dinge, die er können muss, um einen blinden Menschen sicher durch die Stadt zu führen?

Führhundetrainerin und Tierärztin Nadja Steffen bildet seit 10 Jahren Blindenführhunde aus. Seit drei Jahren tut sie dies mit Hilfe des CLICKER-TRAININGS. "Ich habe viele Jahre nach der Methode Lob und Strafe gearbeitet. Ein Hund, der mit Clicker ausgebildet wurde, geht freier, entspannter und arbeitet deshalb zuverlässiger." Nadja Steffen erläutert dies anhand eines Beispiels: Ein Blindenführhund soll Hindernisse, etwa einen Kantstein oder eine Ampel, durch Stehenbleiben anzeigen. Für ihn selbst interessante Dinge soll er ignorieren. Nach der traditionellen Methode wird dem Hund das Schnuppern im Gebüsch durch Strafe ("Pfui", Leinenruck) unangenehm gemacht. Der Hund wird diesen negativen Reiz umgehen, indem er an der interessanten Stelle vorbeigeht. "Er würde schon gerne dort stehen bleiben, tut es aber aus Furcht vor Strafe nicht." Ganz anders stellt sich der Lerneffekt durch positive Bestärkung ein: "Der Hund wird in diesem Fall dafür belohnt, dass er etwas nicht tut." Möchte er das Gebüsch erkunden, hält die Ausbilderin das Geschirr kurz. "sonst würde sich der Hund durch Schnuppern nämlich selbst belohnen." Geht er weiter, Click und Belohnung. Die interessante Stelle wird anschliessen noch mehrmals angesteuert, bis er ohne Zögern vorbeigeht. "Der Hund möchte an der Stelle vorbeigehen (und die Belohnung kassieren), während der "bestrafte" Hund eigentlich nicht vorbeigehen möchte.

Voraussetzung: Ruhiges Wesen

Die vierzehn Monate alte Labradorhündin Orca steht noch am Anfang der Ausbildung. Sie hat ihr erstes Jahr bei der Züchterfamilie verbracht und zeichnet sich wie alle potenziellen Führhunde durch Gelassenheit, Freundlichkeit und Arbeitswillen aus. Menschenmassen bringen sie nicht aus der Ruhe, sie ist zu jedermann freundlich und zeigt keine Aggressionen. Das erste Kommando "Anziehen", das heisst den Kopf durch das Geschirr stecken, hat Orca schnell gelernt und befolgt es mit Begeisterung. Verständlich, denn das Geschirr bedeutet Arbeit und Arbeit bedeutet die Chance auf Belohnung - für die verfressene Orca am liebsten in Form von Leckerchen. Das Geradeausgehen klappt auch schon ganz prima. "Anfangs wird jedes Drehen des Kopfs noch vorne belohnt. Guckt der Hund zuverlässig geradeaus, reicht das allein nicht mehr. Er möchte aber weiterkommen, also bietet er etwas an. "Ein Schritt nach vorne: Click und Leckerchen. Stehen bleiben, Blick auf die Futterhand: Nichts passiert. Zieht er wieder vorwärts: Bingo! Hat er verstanden, worum es geht, wird das Vorwärtsgehen mit dem Kommando "Voran!" verbunden.

Auch die Gesundheit muss top sein

Nadja Steffen hat normalerweise jeweils einen Hund in Ausbildung, die je nach Lerntempo des Hundes rund ein Dreivierteljahr dauert. Labrador Viktor, den sie als vielversprechenden Welpen gekauft hatte, hat Probleme mit den Sprunggelenken, ist als Führhund, der körperlich absolut fit sein muss, nicht geeignet. Und so lebt er nun bei Nadja Steffen als ihr eigener Hund. Viktor ist schon länger dabei und kann bereits Ampeln, Bänke, Treppen und Türen suchen und anzeigen, indem er davor stehen bleibt und den Gegenstand mit dem Kopf berührt. Der Blinde kann so über den Hundekopf ertasten, was er vor sich hat. "Tür" kann Eingang, Ausgang, Fahrstuhl oder Bus bedeuten.
Woher weiss der Hund eigentlich, dass er auch um ein Hindernis herumgehen muss, durch das er selbst hindurchpasst? "Der Hund weiss das gar nicht", sagt Nadja Steffen, "er lernt auch hier durch Versuch und Irrtum." Dazu baut sie ein Gerüst aus zwei Seitenteilen, die durch eine Querstange verbunden sind. Die Stange befindet sich zunächst in Brusthöhe des Hundes. Untendurchkriechen klappt nicht mit Menschen im Schlepptau. Also geht der Hund um das Hindernis herum. Nach und nach wird die Stange höher gesetzt, bis auf einen Meter achtzig. Hindurchziehen lässt sich Nadja Steffen nicht, belohnt wird jedesmal das Herumgehen.
Damit der Blindenführhund, der zwischen zwei- und vierunddreissigtausend Mark kostet, auch nach der Übergabe an seinen neuen Besitzer zuverlässig arbeitet, sollte dieser die Trainingsmethode anwenden, die der Hund gewohnt ist. Nadja Steffen lässt deshalb den Blinden zusammen mit dem Hund ein neues Kommando erarbeiten, um sicherzustellen, dass die beiden sich auch richtig verstehen. Damit Herr und Hund ein Team werden, müssen sie sich ausgiebig beschnuppern, der Hund muss sich auf die neue Stimme einstellen, der Blinde auf den neuen vierbeinigen Partner. Es gibt deshalb eine Einarbeitungszeit von mehreren Wochen. Bei Frau Steffen findet diese Einarbeitung zwei Wochen lang in Hamburg statt, an Plätzen, die der Blinde noch nicht kennt - sonst würde er nämlich auch ohne Hund seinen Weg finden und man könnte nicht erkennen, ob der Hund wirklich führt.
Danach fährt sie für zwei Wochen mit an den Wohnort des Blinden. dort ist für den Hund alles neu und sie kann sehen, ob er sich gut einlebt. Dann beginnt für Herr und Hund ein ganz neuer Lebensabschnitt, der blinde Menschen nicht selten aus der Isolation herausführt. Man trifft sich auf der Hundewiese, denn sebstverständlich darf auch ein Führhund herumtoben wie andere Hunde auch und sich von der anstrengenden Arbeit erholen. Dabei überwiegt ganz klar die Freizeit, denn blinde Menschen sind ja auch nich den ganzen Tag unterwegs.
Doch wenn die beiden unterwegs sind, sollte man sie nicht ansprechen, schon gar nicht den Hund. Er hat während seiner Ausbildung gelernt, sich durch nichts ablenken zu lassen, und würde als freundlicher Vierbeiner durch Streicheln oder Ansprechen in einen Zwiespalt geraten. Blinde Menschen sind dankbar, wenn man ihnen sagt, ob die Ampel noch rot ist oder welcher Bus als nächster fährt, denn solche Dinge kann auch der beste Führhund nicht erkennen.
Andere Hunde sollten an die Leine genommen werden, wenn sich ein Blindengespann nähert, denn sie können nicht verstehen, dass der Führhund im Dienst ist und man ihn nicht stören soll.

Artikel geschrieben von Tatjana Hahn

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